Mit Goethes Geheimnissen zum dauerhaften Partnerschaftsglück
Sozionische Persönlichkeitstypologie will die Partnerwahl erleichtern

Reinhard LANDWEHR (geb. 22.09.1947)

Sozialwissenschaftler, wohnt in Bielefeld (Nordrhein-Westfalen). Veröffentlichungen über Typisierungen in der Regionalforschung, die Verwendung von Informationen in rationalen Entscheidungsprozessen und Anomalien im Verhalten von Investoren, 2002 durch eine Internet-Suchmaschine auf die Sozionik aufmerksam geworden.
Sozionischer Typ: Analytiker (Robespierre)

Die Sozionik, eine neue Partnerschaftstheorie, die zur Zeit der untergehenden Sowjetunion in Litauen entstanden ist, glaubt, der heutigen Single-Gesellschaft einen Weg zum nachhaltigen Partnerglück zeigen zu können. Ihre Prinzipien wollen sogar die „unmögliche“ Lebensgemeinschaft des Universalgenies und vielfach verliebten Goethe, des Dichters der „ Leiden des jungen Werther“ und der „Wahlverwandtschaften", mit der Blumenbinderin Christiane Vulpius erklären.

Zahllose Generationen von mehr oder weniger berufenen Partnerschaftsexperten, aber auch von Literaturwissenschaftlern haben sich mit einer Beziehung beschäftigt, die vor über zweihundert Jahren die damalige thüringische Provinzresidenz Weimar zum Tuscheln brachte. Goethe, der als Minister und enger Freund des regierenden Fürsten hohes Ansehen genoss und auf Grund seiner Liebesbeziehungen und deren dichterischer Aufarbeitung als Partnerschaftsexperte galt, lebte zunächst achtzehn Jahre mit einer nach damaliger Meinung völlig unpassenden Frau zusammen, die er dann auch noch heiratete. Ja, er setzte dieser Partnerschaft mit seinem Gedicht „Gefunden“ sogar ein literarisches Denkmal, das deren ganz besondere Qualität als positives Ergebnis einer langen Suche beurkundete.

Lebensgemeinschaft als Wahlverwandtschaft

Johann Wolfgang von Goethe
(1749 - 1832)

Dabei hatte vor allem die literarische Darstellung der romantischen Liebe Goethe schon damals berühmt gemacht. Wenn er auch nicht unbedingt als „Erfinder“ dieser Form der Beziehung gelten muss, so war er doch der soziale Wegbereiter dieses Partnerschafts- und Ehekonzepts; denn mit seinen damaligen Bestsellern der „Leiden des jungen Werther“ (1774) und den „Wahlverwandtschaften“ (1809) stellte er dem christlichen Modell vom Ehejoch und der höfischen Galanterie einen Kontrapunkt entgegen. Nicht dynastische und ökonomische Zweckmäßigkeitserwägungen sollten für die Ehe entscheidend sein, vielleicht ergänzt durch eine Liebelei oder ein Verhältnis nebenher; sondern sehr persönliche Gefühle und ein gegenseitiges Verständnis. Für diese Form des partnerschaftlichen Zusammenhalts benutzte Goethe einen Vergleich aus der sich gerade entwickelnden Chemie, denn 1792 wurde ein Buch über die Bindungsgesetze der chemischen Elemente des schwedischen Naturwissenschaftlers Tobern Bergmann unter dem Titel „Wahlverwandtschaften“ ins Deutsche übersetzt. In seinem Kunstroman, den Goethe selbst für sein bedeutendstes Buch hielt, verweist dieser übernommene Titel auf eine Gleichnisrede zwischen den chemischen und intimen menschlichen Bindungen. Bringt man ein Stück Kalk in verdünnte Schwefelsäure, heißt es dort, „so ergreift die den Kalk und erscheint mit ihm als Gips, jene zarte luftige Säure hingegen entflieht“.

Ein analoges Naturgesetz zeigt sich dann im menschlichen Leben, wo sich eine bestehende Ehe durch den Besuch einer jungen Frau und eines Mannes auflöst und zu neuen Verbindungen tendiert, nur das hier den Naturkräften moralische Normen entgegen stehen. Für Goethe geraten so, wie er in einer Selbstrezension schrieb, das „Reich der heitern Vernunftfreiheit“ und „die Spuren trüber, leidenschaftlicher Notwendigkeit“ in einen Konflikt, der - wie im Roman - zu einem tragischen Ende führt, wenn es nicht gelingt die natürlichen Bindungsgesetze, die sozialen Konventionen und ihre subjektive Wahrnehmung in Einklang zu bringen.

Doch was macht für den Dichter die Chemie aus, die für stabile Beziehungen als notwendige Voraussetzung erscheint? Nicht nur der Roman wirft diese Frage auf, sondern mehr noch Goethes eigenes Leben selbst. Die Entschlüsselung seiner „Wahlverwandtschaften“, in denen viele Interpreten das undurchdringlichste und vielleicht vieldeutigste Buch sehen, das Goethe als fast Sechzigjähriger geschrieben hat, bereitet dabei erhebliche Schwierigkeiten, zumal Goethe selbst daraus ein Rätsel machen wollte, indem er nach seinen eigenen Worten darin „manches versteckt“ hat. Wohl auch um die Rekonstruktion seines Geheimnisses zu erschweren, hat er sogar alle Vorarbeiten zu seinen „Wahlverwandtschaften“ vernichtet.

Christiane und Johann Wolfgang

Christine von Goethe, geb. Vulpius
(1765 –1816)

In seine ganz reale Beziehung zu Christiane lässt sich hingegen anhand des umfangreichen Briefwechsels, den die beiden Partner während ihrer häufigen Trennung führten, aber auch zahlreicher Dichtungen, die Goethe während dieser von beiden als so glücklich empfundenen Zeit geschaffen hat, ein tieferer Einblick gewinnen.

Über seine Langzeitlebensgefährtin Christiane Vulpius, mit der Goethe insgesamt bis zu ihrem Tod achtundzwanzig Jahre gemeinsam gelebt hat, haben seine Zeitgenossen den Kopf geschüttelt und sich den Mund zerrissen. Das gilt vor allem für die Weimarer Damenwelt, die in dem Geheimrat und verehrten Dichter sicherlich eine gute Partie gesehen hat. Johann Wolfgang und Christiane entsprachen eben so gar nicht dem Partnerschaftsleitbild der Gesellschaft in einer kleinen thüringischen Residenzstadt in der deutschen Provinz am Ende des 18. Jahrhunderts. Das gilt für den Alterunterschied, - Christiane war sechzehn Jahre jünger -, den sozialen Status - er Minister, sie Arbeiterin in einer Kunstblumenwerkstatt -, die Bildung und den Ruf der Familien, denn Christianes Vater hatte wegen einer Unregelmäßigkeit seine Position in der herzoglichen Verwaltung verloren.

Vor allem widersprach aber bereits die Form ihres Kennenlernens den damaligen Konventionen. Es gab keine langsame Annäherung in einem literarischen Salon oder die Vermittlung durch eine gemeinsame Bekannte, wie es wohl der Zeitgeist am Endes des 18. Jahrhunderts verlangt hätte. Nein, Christiane soll den Geheimrat im Park an der Ilm angesprochen haben, um einen Brief ihres Bruders zu übergeben. Diese so sachbedingte Unterhaltung scheint dann am selben Tag noch zu einer gemeinsamen Nacht und dem anschließenden Einzug Christianes in Goethes Gartenhaus geführt zu haben.

Park an der Ilm und Goethes Gartenhaus

Worin besteht aber die besondere Bindungskraft dieser Beziehung des Frauenkenners Goethe, der zuvor schon eine Reihe intensiver, wenn auch wohl eher platonischer Liebesbeziehungen erlebt hatte? Auf Grund ihrer sozialen Unterschiede, vor allem aber der Ablehnung durch die höfische Gesellschaft Weimars, in der Goethe als Minister und enger Freund der herzoglichen Familie lebte, schien fast alles gegen eine stabile Beziehung zwischen der lebenslustigen Christiane, die gern tanzte, aß und trank - vor allem Champagner -, und dem gesetzten Geheimrat zu sprechen, der nicht zuletzt für seine Arbeit Einsamkeit, Ruhe und äußere Distanz brauchte.

Aber alle Erwartungen des kleinstädtischen Klatsches über eine bestenfalls kurzfristige Liaison mit "Goethes dicker Hälfte" oder "rundem Nichts“, wie man spitz bemerkte, gingen in die Irre. Sein "kleines Naturwesen" - so nannte Goethe gern seine Christiane - war für ihn ein wahrer "Hausschatz", der seinem "geheimen Rat" liebend und helfend zur Seite stand. So schreibt Sigrid Damm in ihrer 1998 erschienenen Recherche "Christiane und Goethe": „In seiner Lebensmitte ist eine Frau für ihn wichtig, die...ihm Behagen, Behaglichkeit im weitesten Sinne schafft: im Bett, am Tisch, im Haus."

Die Biografen und Philologen haben jedoch auch noch andere Partnerschaftsanalysen vorgetragen. So sieht etwa Thomas Mann in Christiane nur „ein schönes Stück Fleisch“ oder einen „Bettschatz“, während Kleßmann auf Grund einer sorgfältigen Lektüre des Briefwechsels konstatiert: „Liebe auf den ersten Blick war es nicht, es war ein beiderseitiges sinnlich-erotisches Begehren, aber es entwickelte sich daraus eine tiefe Liebe.“

Die Stabilität der Beziehung führt er dabei vor allem auf eine ausgleichende und aufmunternde Ergänzung Goethes, der oft trüben hypochondrischen Gedanken nachhing, durch das fröhliche, glückliche Naturell Christianes zurück. Das war, wie er aus der zuvor häufig vernachlässigten Perspektive der im Schatten ihres Mannes stehenden Ehefrau urteilt, nur durch eine unerschöpfliche Liebesfähigkeit Christianes möglich, wie sie „nur wenigen“ Menschen eigen ist.

Diese Erklärung hat wenig gemein mit einem umfassenden chemischen Bindungsgesetz, das Goethe offensichtlich entsprechend seinem gewählten Romantitel selbst erlebt hat, ohne jedoch die Regeln seinen Mitmenschen und der Nachwelt zu offenbaren. Alle diese Interpretationsversuche können daher das Geheimnis universeller Maximen für feste, glückliche intime Partnerbeziehungen, wie sie der Begriff „Wahlverwandtschaften“ zu versprechen scheint, nicht lüften. Hat sich Goethe, der nach der Meinung Caroline Schlegels alles „mit künstlerischen Sinn geordnet hat“, nur eben mit Ausnahme seiner „Liebschaft“, gar in seiner Partnerwahl und der menschlichen Beziehungsanalyse getäuscht?

Das sozionische Dualitätskonzept

Brüchige und stabile menschliche Beziehungen gab und gibt es in allen Gesellschaften und zu allen Zeiten und damit auch die Suche nach ihren Ursachen. Einen Erklärungsversuch hat die Litauerin Auschra Augustinaviciute unternommen, die in den 70er Jahren des 20sten Jahrhunderts als psychologische Autodidaktin eine Sozionik genannte Persönlichkeits- und Bindungstheorie entwickelt hat, die vor allem in den Nachfolgestaaten des Sowjetunion sehr populär geworden ist. Schließlich verspricht die Sozionik Hilfe bei der Suche nach glücklichen und festen Liebes- und Ehebeziehungen.

Ihre Sozionik greift auf Jungs Persönlichkeitstypen zurück und hat für sechszehn Merkmalskombinationen idealtypische Profile entwickelt. Individuen sind danach vor allem extra- oder introvertiert, besitzen eine ausgeprägte Denk- oder Fühlfunktion, nehmen ihre Umwelt eher ganzheitlich-intuitiv oder differenziert-sensorisch wahr und handeln eher spontan oder geplant.

Jedes Individuum verkörpert somit durch seine eigenen Stärken jeweils nur einen Teil eines idealen totalen Menschen. Zu dieser „Vollkommenheit“ fehlt ihm immer die andere Hälfte als wünschenswerte und notwendige Ergänzung.

Eine Zweierbeziehung kann diesen Ausgleich zumindest prinzipiell leisten, wenn sich in ihr jeweils die stark entwickelten Funktionen bei einem Partner mit den schwach ausgeprägten beim anderen Partner verbinden. Das dürfte ein Gedanke sein, den auch Goethe vertreten hat, wenn er in den „Wahlverwandtschaften“ schreibt, dass “entgegengesetzte Eigenschaften ..eine innigere Vereinigung möglich " machen .

Nach dem Konzept der Sozionik, das dieses Prinzip der Ergänzung von Schwächen ganz zentral thematisiert, führt die Verbindung von Gegensätzen zwar häufig zu besonders intakten Partnerschaften, allerdings nicht in jedem Fall. Voraussetzung ist immer, dass beide Partner entweder ihr Leben zielgerichtet angehen oder eher rasch auf neue Chancen reagieren.

Der entscheidende Wegweiser für die Entwicklung guter Beziehungen ist nach der Sozionik somit die richtige Mischung von Gleichheit und Ungleichheit beider Partner, da in drei Bereichen der Persönlichkeit Ergänzungen empfohlen, in einem vierten jedoch möglichst große Ähnlichkeit verlangt wird. Ein Beispiel für diese ideale Zweierbeziehung, die Dualität, wie sie ihr Optimum einer Zweierbeziehung nennen, finden die Sozioniker in der Verbindung der Goethes. Für sie ist diese so unerklärlich scheinende Beziehung daher nicht eine geheimnisumwitterte Merkwürdigkeit, sondern die Manifestation eines psychischen Bindungsgesetzes, eben der sozionischen Dualität.

Die sozionische Dualität der Goethes

Deutliche Unterschiede und damit Ergänzungsmöglichkeiten sehen die Sozioniker in der Orientierung der beiden Goethes gegenüber ihrer sozialen Umwelt. So fungiert er als weltgewandter Alleinunterhalter der Weimarer Hofgesellschaft, dessen Charme und Einfallsreichtum sehr geschätzt wird, während sie sich häufig als einsam schildert und ihr Alleinsein durch eine Vielzahl von eher häuslichen Arbeiten ausfüllt.

Aber der Gegensatz von Extra- und Introversion ist nur einer der Unterschiede. Goethe nimmt seine Umwelt als Totalität wahr, als untrennbar in einander verschmolzene Einheit von Geist und Körperlichkeit. So stellt etwa Schiller nach einem Gespräch mit ihm fest, dass Goethe danach strebt, „ein Ganzes zu erbauen“. Ja, Johann Wolfgang kann sogar eine reine Idee, etwa die der Urpflanze intuitiv sehen, was Schiller ebenfalls verwundert bemerkt. Christiane achtet hingegen stärker auf die Details im Haus und Garten, aber auch am Hoftheater, sodass sie ihren Ehemann in diesen wichtigen „Kleinigkeiten“ beraten kann. Jedoch haben für sie die unmittelbaren Sinneseindrücke generell eine sehr große Bedeutung, wie sie in einer für die damaligen Zeit bemerkenswerten Offenheit schreibt. Wenn sie sich sehr zärtlichkeitsbedürftig fühlt, beschreibt sie sich als "hasig" und sehnt sich nach einem "Schlampampsstündchen", und zwar sehr dinglich und konkret mit dem "Herrn Schönfuß", wie sie Goethes "Meister Iste" nennt; während Johann Wolfgang häufig nach Jena flieht, um ungestört arbeiten zu können.

Christiane denkt und handelt generell sehr sachlich und praktisch, denn sie beschäftigt sich gern mit ihren Gärten und organisiert die Arbeit in ihren beiden Häusern. Wie wohl seine Dichtungen sehr nachdrücklich belegen, kann sich Johann Wolfgang hingegen sehr gut in die Gefühlswelt seiner Mitmenschen versetzen und daraus treffsichere Urteile gewinnen; sodass sie eher ein Denk-, er hingegen ein Fühltyp ist.

Neben diesen Unterschieden bestehen jedoch auch die für die Sozionik so wichtigen Gemeinsamkeiten, denn beide Partner versuchen ihr Leben recht sorgfältig zu planen. Gilt das bei ihr vor allem für die Organisation der Haus- und Gartenwirtschaft, aber auch die Versorgung ihres Gatten mit den damals nicht immer so leicht verfügbaren Delikatessen wie Froschschenkel und Kaffee, zeigt sich diese Eigenschaft bei ihm vor allem in der sorgfältigen Komposition seiner Werke. Jedoch betreibt Goethe auch ein striktes Zeitmanagement, wenn er nach Jena reist, um dort fern des Hofes, aber auch seiner Christiane in Ruhe dichten zu können. Aber Johann Wolfgang vertieft sich zudem sehr intensiv in die Probleme seiner ministeriellen Anstellung, indem er beispielsweise zum Studium von Bergbaufragen einen recht mühsamen Ritt durch den winterlichen Harz unternimmt und dort an den damals nur bekannten schwankenden Steigleitern mehre hundert Meter tief in die Schächte hinabsteigt, was generell als sehr gefährlich galt und für einen Minister keineswegs üblich war.

Diese Analyse von Einzelmerkmalen der beiden Persönlichkeiten lässt sich durch einen Blick auf die Persönlichkeitsprofile weiter absichern, die die Sozionik für jede der sechszehn Kombinationen von Persönlichkeitsmerkmalen entwickelt hat. Dabei werden bekannte Persönlichkeiten oder Charaktere der Weltliteratur herangezogen, die jeweils einen Persönlichkeitstyp besonders gut repräsentieren sollen. Goethe ähnelt in diesem System einem „Hamlet“, der eine dramatische Weltsicht besitzt und als Schwärmer die Gefühle über den Verstand stellt. Typisch ist für seinen Typ zudem eine sehr individuelle Ethik, die deutliche Ansprüche gegenüber den Mitmenschen einschließen kann. Ein Blick in seine Elegien und seine unkonventionelle Beziehung zu Christiane können diese Zuordnung sicherlich rechtfertigen.

Seine duale Partnerin, die der russische Dichter Gorki repräsentiert, ist hingegen ein nüchterner Realist, der sich einerseits stoisch und ohne Nörgelei mit den Widerwärtigkeiten des Lebens abfindet, andererseits jedoch seine Wünsche und Bedürfnisse, nicht zuletzt auch im erotischen Bereich, artikuliert. Damit werden sicherlich zwei von Christianes bemerkenswertesten und auffälligsten Eigenschaften genannt, denn sie hat ihre soziale Diskriminierung und auch ihre physischen Erkrankungen ohne Klagen ertragen hat und sich nicht gescheut, nach einem Schlampampsstündchen zu fragen, wenn ihr danach war.

Das Leben mit Ergänzungen bei den Goethes

Man mag die Verbindung von Naturkind und genialem Künstler auch nur als einen glücklichen Zufall und nicht als Wirken eines sozionischen Gesetzes verstehen. Vielleicht erscheint die typisierende Zuordnung sogar nicht immer zwingend, aber trotzdem verdient die ganz konkrete Beziehung der Goethes gerade wegen ihrer Besonderheit eine Beachtung, zumal moderne Eheberater eher die Suche nach einem Doppelgänger - nur eben des anderen Geschlechts - empfehlen.

Die konkrete Form des gemeinsamen Lebens kann jedoch zeigen, wie eine intensive Beziehung trotz aller Gegensätze oder Ergänzungen Bestand haben kann, ja, zu einem von beiden Partnern als glücklich und bereichernd empfundenen Leben führen kann. Nur muss zunächst, folgt man dem Beispiel aus der Chemie, etwas Neues entstehen; denn der Gips, das Calciumsulfat, hat eben ganz andere Eigenschaften als seine beiden Bestandteile Calcium und Sulfat.

Allerdings unterscheiden sich Menschen auch von chemischen Elementen, denn sie bestehen nicht nur aus abweichenden Mengen von Elementarteilchen, sondern besitzen eine Psyche, sie nehmen ihren Partner wahr und müssen mit ihm in einer sozialen Umwelt mehr oder weniger gemeinsam handeln. Die Persönlichkeitsmerkmale können daher nur objektive Voraussetzungen darstellen, in deren Rahmen sich die konkreten Partner ihr gemeinsames Leben aufbauen müssen. Die Partnerschaft zwischen Johann Wolfgang und Christiane von Goethe kann exemplarisch zeigen, wie sich auch die Schwierigkeiten der Dualität meistern lassen.

Vor allem vier Verhaltensmuster scheinen die Stabilität dieser Beziehung von so ungleichen Partnern ermöglicht zu haben, und zwar eine verlässliche Liebe, gegenseitiges Vertrauen, eine Offenheit gegenüber dem Partner und viele Freiräume.

Dabei lässt sich der Vergleich mit der Chemie sogar noch ausweiten, wo es selbstverständlich ist, dass das Calcium nicht den Schwefel in Calcium verwandeln will, was jedoch für das menschliche Leben mit seinen narzisstischen Motiven oder seinem Dominanzstreben nicht in gleicher Weise gilt. Goethe bekennt jedoch nach zwanzigjähriger Lebensgemeinschaft mit Christiane, ihm gefalle an ihr besonders, dass sie „nichts von ihrem Wesen aufgibt und bleibt, wie sie war." Umgekehrt wird das wohl ohnehin niemand erwartet haben.

Aber diese elementare Autonomie ist nur die eine Seite. In ihren Briefen versichern sie sich beide wechselseitig ihrer unzerstörbaren Liebe und Treue, die ihnen die Gewissheit verschafft, einander zu gehören und auch in einer ihnen teilweise feindlich gesonnenen Welt gemeinsam zu bestehen. Sie sehen sich eben nicht nur als einzelnen Atome verschiedener Elemente, sondern gleichzeitig immer als ein Molekül.

Innerhalb dieser fast naturgesetzlichen Bindungsstabilität werden dann den Gefühlen durchaus kleine Abweichungen gestattet.

So billigen sie sich beiderseitig Flirts vor allem während ihrer getrennten Kuraufenthalte in Bad Lauscha oder Karlsbad zu, wobei sie ihre jeweiligen Kurschatten entschärfend als "Äugelchen" bezeichnen. Beide tauschen sich sogar gern über diese Erlebnisse aus. Wenn Johann Wolfgang kommentiert: "Mit den Äugelchen geht es, merke ich, ein wenig stark, nimm dich nur in acht, dass keine Augen daraus werden.", versichert ihm Christiane: “Unter allen denen ist kein Mann, wie Du; wenn man sie näher kennt, kann man sie alle nicht achten." Das gilt auch für die Äugelchen, mit denen Christiane ihrer Tanzleidenschaft frönt, sodass sie ihrem Johann Wolfgang berichtet, dass sie ihre Schuhe durchgetanzt habe. Worauf sie ihr Johann Wolfgang ganz ohne misstrauische Gedanken bittet: "Schicke mir bei nächster Gelegenheit Deine letzten, schon durchgetanzten Schuhe“, damit „ich nur wieder etwas von Dir habe und an mein Herz drücken kann."

Jeder bewahrt auf diese Weise seine elementaren Persönlichkeitsmerkmale, aber beide „überlegen zusammen“ ihr gemeinsames Leben, sei es nun die Bewirtschaftung ihrer Häuser in Weimar oder die Organisation des Theaters. Der psychische Ausdruck ihrer Wahlverwandtschaft besteht jedoch in einer Versicherung wie: „Wir wollen uns nur recht lieb haben, das ist noch das Beste auf der Welt, und wenn wir wieder zusammen sind, uns es einander recht oft sagen, wie hübsch es ist, einander treu zu sein."

Literatur

Damm, Sigrid, Christiane und Goethe. Eine Recherche, Frankfurt am Main/ Leipzig 1998

Jung, C.G., Psychologische Typen, Neunte, revidierte Auflage, Olten / Freiburg im Breisgau 1971 // Gesammelte Werke. Sechster Band.

Kleßmann, Eckart, Christiane. Goethes Geliebte und Gefährtin, Zürich 1992

 

Einen Test zur Bestimmung des sozionischen Typs, aber auch weitere aktuelle Informationen über die Sozionik findet man seit 2004 auf der Internetseite www.socioniko.net/de.